Phytotherapie für Hunde – die Grundlagen

Teil 1 - Hintergründe, Verarbeitung, Wirkstoffe und Anwendungsformen von Heilpflanzen

Phytotherapie (Phyton=Pflanzen, Therapeia=Pflege) bezeichnet Vorbeugung und Behandlung von Krankheiten durch Pflanzen, Pflanzenteile und Zubereitungen aus diesen. Die Phytotherapie ist eines der ältesten Heilverfahren. In diesem Beitrag erläutere ich dir die Grundlagen der Phytotherapie.

Phytotherapie mit Kamille

In der heutigen Zeit ist die Phytotherapie wieder sehr modern geworden. Denn: es gibt einen „zurück zur Natur“ – Trend, der sich auch in der Hundeernährung niederschlägt. So ist es eine weitverbreitete Vorgehensweise, Hundefertigfutter alle möglichen Kräuter beizumischen. Doch in den allermeisten Fällen sind diese Beimischungen relativ sinnfrei, denn nicht jeder Hund muss z. B. durch die Beigabe von Fenchelsamen permanent gegen Blähungen behandelt werden.

Hintergründe der Phytotherapie

Die Basis der Phytotherapie, also Pflanzenheilkunde, bildet die Heilpflanzenkunde. Diese Wortumdrehung zeigt noch einmal deutlich, was die Grundlage ist, nämlich das Heilen. Jedoch sollte klar sein, dass es nicht zweckdienlich ist, mit Kräutern um sich zu werfen nach dem Motto „viel hilft viel“ und irgendwas werde ich schon erwischen, was therapiert werden kann. Die Phytotherapie sollte gezielt eingesetzt werden als das was sie ist: eine Heilkunde.

Häufig wird die Homöopathie mit der Phytotherapie gleichgesetzt. Der Satz “das ist ja rein pflanzlich” fällt oft im Zusammenhang mit der Homöopathie. Doch diese beiden Verfahren haben nicht viel gemein. Die Homöopathie ist eine völlig andere Heilweise und basiert nicht auf den Wirkstoffen der Pflanzen. Außerdem bilden in der Homöopathie nicht nur Pflanzen die Basis, es kann sich um konzentrierte Zubereitungen pflanzlichen, tierischen oder menschlichen Ursprungs handeln, oder auch um chemische oder mineralische Substanzen.

Erste schriftliche Aufzeichnungen zur Verwendung von Kräutern findet man in einem chinesischen Heilpflanzenbuch aus dem Jahr 3700 v. Chr. Denn die Pflanzenheilkunde ist fester und wichtiger Bestandteil der Traditionellen Chinesischen Medizin und auch in Indien reicht die traditionelle Anwendung von Heilpflanzen mehr als 3000 Jahre zurück. In allen so genannten Hochkulturen (Inka, Maya, Ägypter) waren Heilpflanzen wichtige Heilmittel.

Schon Hippokrates, der als „Urvater der Medizin“ gilt, gab in seinen Schriften Anleitungen zum Umgang mit Heilkräutern. Und wenn man sich näher mit der Phytotherapie beschäftigt, kommt man an Namen wie Hildegard von Bingen, Paracelsus oder auch Pfarrer Sebastian Kneipp nicht vorbei. Weil sie alle für die Erhaltung und Weitergabe der Pflanzenheilkunde wichtige Beiträge geleistet haben.

Phytotherapie wissenschaftlich betrachtet

Eine wichtige Tatsache für den Erfolg der Pflanzenheilkunde ist ihre wissenschaftliche Belegbarkeit. Quasi ein Ableger der Pflanzenheilkunde ist die Pharmakotherapie, welche die Anwendung von Arzneimitteln zu Heilzwecken bezeichnet.

Entsprechend sind Phytopharmaka zugelassene Arzneimittel, die auf der Anwendung von Heilpflanzen basieren. Diese haben ihren festen Platz in der schulmedizinischen Therapie von Erkrankungen. In der Humanmedizin gibt es klinische Studien zu Wirkungen von Heilpflanzen, auf die Veterinärmedizin trifft dies jedoch nicht zu.

Die Anwendung bei Tieren ist nicht gleichzusetzen mit der bei Menschen und beruht vor allem auf überliefertem Erfahrungswissen. Die Therapieergebnisse können nicht 1:1 von Mensch auf Tier übertragen werden, da die Wirkungen teils sehr unterschiedlich sein können. Das trifft auch auf unterschiedliche Tierarten zu. Was für eine Katze hilfreich ist, muss bei einem Hund noch lange nicht helfen.

Phytotherapie wenden Hunde auch selber an

Manch ein Hundehalter stellt sich die Frage, warum Hunde immer mal wieder zur Kuh mutieren und mit Hingabe Grashalme kauen. Die Antwort ist in der Pflanzenheilkunde zu finden. Weil nämlich die Quecke, umgangssprachlich auch Hundegras genannt, therapeutische Wirkung auf den Darmtrakt hat. Dies erklärt auch das häufig danach auftretende Erbrechen, denn die Quecke hilft dem Darmtrakt etwas loszuwerden, was raus muss. Deshalb kann häufiges Grassfressen ein Hinweis darauf sein, dass mit dem Magen-Darm-Trakt etwas nicht stimmt.

Anwendung der Phytotherapie

Die Anwendung und Verabreichung von Heilpflanzen ist auf verschieden Arten möglich. Es wird unterschieden zwischen der äußerlichen und der innerlichen Anwendung. Heilpflanzen werden in Form von Frischpflanzen, Drogen oder Extrakten eingesetzt. Weiter verarbeitet man sie zu Tees, Tropfen, Salben, Abkochungen, Aufgüssen, Sirup, Kaltauszügen oder auch Pillen. Auch ätherische Öle sind beliebt und verbreitet in der Anwendung.

Drogen

Dies sind Pflanzen und Pflanzenteile, die getrocknet und zerkleinert und so lagerfähig gemacht sind. Getrocknete Heilpflanzen entfalten ihre Wirkung etwa ein Jahr lang, daher sollten nie mehr Pflanzen gesammelt/eingekauft werden, als für einen gewissen Zeitraum benötigt werden.

Extrakte

Extrakte enthalten die Wirkstoffe der Pflanze quasi in konzentrierter Form und man gewinnt sie sowohl aus den Frischpflanzen, als auch aus den Drogen. Verschiedene Lösungsmittel lösen verschiedene Wirkstoffe aus der Pflanze. Ein bekanntes Beispiel dafür sind die ätherischen Öle. Es gibt Fluidextrakte, Dickextrakte und Trockenextrakte. Der Unterscheid besteht in der Konsistenz. Weitere Extrakte sind Tinkturen, Ölmazerate oder auch Presssäfte.

Die Wirkstoffe in der Phytotherapie

Die spezifischen Inhaltsstoffe der Pflanzen sind die Grundlage ihrer verschiedenen Wirkweisen. Auch ein wichtiger Faktor ist die Kombination vieler Wirkstoffe, da immer mehrere Wirkstoffe zusammen die heilende Wirkung ausmachen. Die Substanzen entstammen dem sekundären Stoffwechsel der Pflanzen, den diese zum Überleben benötigen (Schutz vor Sonneneinstrahlung, Fressfeinden, etc.). Der primäre Stoffwechsel ist die Photosynthese.

Die Wirkstoffe können in verschiedene Gruppen unterteilt werden:

Ätherische Öle

Ätherische Öle sind in vielen Pflanzen enthalten. Jedoch verarbeitet man meist nur Pflanzen, welche sich durch einen hohen Gehalt auszeichnen, der zwischen 0,1 und 10 Prozent liegt. Ihre Zusammensetzung besteht aus Stoffgemischen, die teilweise aus über 100 verschiedenen Bestandteilen zusammengesetzt sind. Doch ihre Heilwirkung basiert meist auf einem Hauptbestandteil. Typisch ist natürlich ihr starker Geruch, sie wirken entzündungshemmend, harntreibend, antibakteriell, antirheumatisch, krampflösend, verdauungsregulierend, durchblutungsfördernd, Auswurf fördernd, antiparasitär und ausgleichend. Wegen ihres ausgeprägten Geruchssinns sollten ätherische Öle bei Hunden vor allem in der Aromatherapie sehr behutsam eingesetzt werden. Einige ätherische Öle reizen auch stark die Schleimhäute von Hunden.

Alkaloide

Diese Stoffe haben eine starke Wirkung und sind meist sogar giftig. Zwar haben viele Alkaloide ihren festen Platz in der Schulmedizin, wie beispielsweise Codein oder auch Morphin. Jedoch ist aufgrund der starken Wirkungen von einer Selbstmedikation mit Alkaloiden dringend abzuraten.

Bitterstoffe

Bitterstoffe haben einen bitteren Geschmack und regen die Sekretion von Magensaft, Speichel und Galle an. Deshalb werden sie gerne bei Magenbeschwerden und Appetitlosigkeit eingesetzt. Aufgrund ihrer kräftigenden Wirkung auf den gesamten Organismus finden sie auch bei Erschöpfungszuständen Anwendung.

Phytotherapie mit Pfeffer

 Scharfstoffe

Hauptsächlich Pflanzen, welche wegen ihrem scharfen Geschmack gerne zum Würzen verwendet werden, enthalten Scharfstoffe. Ihre Wirkung liegt im Bereich von Haut und Schleimhäuten und wird durch heftige Reaktionen der Schmerz- und Thermorezeptoren in diesen Bereichen versursacht. Sie werden als Salben und Tinkturen angewendet und können eine Schmerzreduktion bewirken, die örtliche Durchblutung wird angeregt. Innerlich haben sie eine kreislauf- und verdauungsregulierende Wirkung.

Saponine

Saponine heißen so wegen ihrer seifenähnlichen Wirkung (Sapo=Seife). Deshalb wurden Pflanzen, die Saponine enthalten, früher oft als Waschmittel eingesetzt. Saponine wirken aber auch sekretionsanregend, Auswurf fördernd und entzündungshemmend. Denn sie können wegen ihrer starken Oberflächenaktivität hartnäckigen, zähen Schleim verflüssigen. Eingesetzt werden sie zur Blutreinigung, Entzündungshemmung und natürlich, um die Bronchien von zähem Schleim zu befreien. Jedoch dürfen Saponine nicht bei Blutungen und Geschwüren im Verdauungstrakt angewendet werden, weil sie so in die Blutbahn gelangen könnten. Auch Überdosierung sollte vermieden werden, da sie Brechreiz verursachen kann!

 Glykoside

Glykoside sind Substanzen mit Molekülen, die einen zuckerhaltigen Teil (Glykon) und einen zuckerfreien Teil (Genin) haben. Je nach der Beschaffenheit des Genins werden sie in unterschiedliche Gruppen aufgeteilt. So können sie herzstärkende Wirkung haben, abführende Wirkung oder auch eine hormonähnliche Wirkung.

Gerbstoffe

Durch ihre Eiweiß verhärtende Wirkung können Gerbstoffe eine Schutzschicht auf entzündeter Haut oder Schleimhäuten bilden. So können sie Krankheitserregen die Lebensgrundlage nehmen. Meist werden Gerbstoffe zur äußerlichen Behandlung eingesetzt. Bei Entzündungen im Magen-Darm-Trakt kommen sie auch innerliche zur Anwendung. Bei Alkaloid- oder Schwermetallvergiftung können sie als Gegengift eingesetzt werden.

Pflanzenschleime

Dies sind Kohlenhydrate, die in Verbindung mit Wasser quellen und so dickflüssige Lösungen bilden. Sie können auf wunder, gereizter Haut oder auch auf Schleimhäuten einen Schutzfilm bilden. Daher werden sie oft bei schwerwiegenden Magen-Darm- oder Stoffwechselerkrankungen angewendet, vor allem bei Entzündungen im Mund- und Rachenraum oder im Magen.

Mineralien, Spurenelemente und Vitamine

Auch solche essentiellen Nährstoffe finden sich in den Pflanzen. Diese sind wichtig für Stoffwechselvorgänge, Körperaufbau und Immunsystem. Jedoch sollten beim Einsatz von Pflanzen zur Nährstoffversorgung nie die therapeutischen Wirkungen außer Acht gelassen werden, die diese Pflanze durch ihre weiteren Wirkstoffe haben kann.

Anwendungsformen der Phytotherapie

In der Tierheilkunde werden Heilpflanzen nach verschiedenen Anwendungsformen unterschieden:

  • Rezeptierung: Hierbei wird nach Angabe eines Therapeuten oder einer fachkundigen Person eine Mischung von Heilpflanzen zusammengestellt, die der Therapie einer bestimmten Erkrankung /Problematik dienen soll.
  • Ergänzungsfuttermittel: Verschiedene Fertigmischungen werden angeboten, die die körpereigenen Selbstheilungsprozesse unterstützen sollen, die Besiedlung mit krankmachenden Keimen hemmen sollen und den Organismus gemeinhin in seinen Funktionen unterstützen sollen. Häufig dafür verwendete Kräuter sind beispielsweise Kamille, Petersilie, Salbei, Spitzwegerich oder auch Thymian.
  • Fertigarzneimittel: Sogenannte Phytopharmaka (zugelassene Arzneimittel die auf Pflanzen basieren) werden zu therapeutischen Zwecken eingesetzt.

Alle Beiträge zur Pflanzenheilkunde

1. Teil – Phytotherapie für Hunde – die Grundlagen
2. Teil – Zubereitungsarten von Heilpflanzen für Hunde – welche Möglichkeiten der Zubereitung gibt es für Hunde und wie funktionieren diese?
3. Teil – Heilpflanzen für Hunde – 15 wichtige Kräuter
4. Teil – Anwendungsgebiete von Heilpflanzen bei Hunden – was hilft wogegen?

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Über Anke Jobi 146 Artikel
Anke Jobi, 1967 geboren, wohnt im oberbergischen Land in der Nähe von Köln. Sie ist zertifizierte Ernährungsberaterin für Hunde, Buchautorin (Clean Feeding) und schreibt als freie Autorin für diverse Printmagazine.

2 Kommentare

  1. Liebe Anke, das ist ja wieder eine sehr umfangreiche Arbeit, die Du da ablieferst – Respekt. Ich kann nur vermuten, wieviel Arbeit dahinter steckt, das alles ausführlich zu recherchieren und dann darüber zu schreiben.
    Ich bin sehr auf Teil 3 gespannt.
    Liebe Grüße – Dori

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